Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 30. November 2011

Noch zwei Tage, dann ist er da, der große Tag. Ein Jahr ist es dann her, dass mein kleines, großes Mädchen zum ersten Mal blinzelnd das Kreissaallicht Licht der Welt erblickte.

Und ich werde sicher bereits am Freitag sehr, sehr wehmütig und voller Erinnerungen sein. Erinnerungen an diesen eisig kalten Winterabend im letzten Dezember, an dem ich mehr ahnte, als es wirklich zu wissen, dass mich nur wenige Stunden vom größten Glück und schönsten Wunder meines Lebens trennten. Erinnerungen an diese Wehen, die in so seltsamen Abständen kamen, dass ich mir trotz stärker werdender Schmerzen einfach nicht sicher war, ob dies wirklich schon der „Ernstfall“ sein konnte.

Doch wieder einmal schweife ich ab. Denn heute möchte ich ein wenig über mein erstes Jahr als Mama nachdenken. Möchte schöne Erinnerungen und anstrengende hervorkramen und mit euch teilen. Möchte mit wehmütigem Lächeln an das kleine Baby zurückdenken, das in dieser Zeit zu einem Kleinkind herangereift ist, ebenso wie ich von einer Frau, die noch nie eine Windel gewechselt hatte, zu einer Mama wurde.

Der ein oder andere mag sich über den seltsamen Titel dieses Posts wundern. Doch ich habe in den letzten Tagen ein paarmal darüber nachgedacht, dass es gar nicht so einfach ist, zu sagen, wann das Mamasein denn anfängt. Und ich finde es nicht ganz richtig, zu behaupten, ich sei an diesem Samstag ein Jahr Mama gewesen. Denn mein Muttersein fing viel früher an. Schließlich lebte das Herzensmädchen bereits viele Monate in und mit mir, ehe sie sich entschloss, ihr warmes Bauchzuhause gegen die kalte Winterwelt draußen zu tauschen. Und bereits in diesen Monaten sprach ich jeden Tag mit meiner Tochter, erzählte ihr, wie es werden würde, wenn sie erst einmal da wäre. Träumte von unserem gemeinsamen Leben. Rückblickend ist es schwer für mich zu sagen, wann genau ich von der ungeplant Schwangeren zur Mama wurde. Ich erinnere mich jedoch noch genau, dass ich drei Tage nach dem Test und der ersten Untersuchung im Krankenhaus den ersten Frauenarzttermin hatte. Ich hatte all das noch nicht realisiert, von Freude war noch nichts zu spüren und ich hatte einfach nur Angst vor der Zukunft und all den Entscheidungen, die auf mich zukommen würden. Jedenfalls fragte ich die Ärztin, wie es denn nun weitergehe und ich erinnere mich noch genau an ihre Worte: „Frau Herzmama, die wenigsten Frauen testen so früh wie sie. In der ersten Phase der Schwangerschaft gehen viele Babys einfach ab, oft ohne dass die Frauen das merken. Wie hoch der Prozentsatz ist, sage ich ihnen lieber nicht. Aber machen sie sich bewusst, dass in diesen ersten Wochen noch viel passieren kann.“ Ich erinnere mich, wie ich mich anzog. Wie betäubt, wie vor den Kopf gestoßen. Verlieren? Dieses Baby? Oh nein!

Es war beileibe nicht so, dass ich als glücklich Schwangere die Praxis verließ. Aber die Warnung der Ärztin hatte mir gezeigt, dass ich das Leben, das ich in mir trug, bereits zu diesem Zeitpunkt schützen und festhalten wollte. Vielleicht begann er also dort, mein Weg als Mama.

Ganz sicher war ich eine Mama, als ich später, Im Laufe der Schwangerschaft,zu all den Untersuchungen fuhr, die mir aus verschiedenen Gründen sehr wichtig waren. Immer wieder die Angst, ob es dem kleinen Menschen in mir auch gut ging. Waren die Organe gesund? Schlug das Herz?

Ich war auf jeden Fall eine Mama, als ich in der elften Woche das Blut- so viel Blut entdeckte. Es war ein schöner, entspannter Tag gewesen und ich wollte nur noch einen gemütlichen Abend auf der Couch verbringen. Und dann das. Ich war wie erstarrt und in meinem Kopf hämmerte es: Du verlierst es. So viel Blut ist nicht normal. Nichtnormalnichtnormalnichtnormal… Der Typ ging nicht ans Handy, aber er hätte mir ohnehin nur psychische Unterstützung leisten können, schließlich war er 200 km weit weg. Ich rief meine Mutter an und sagte ihr mit falscher, hysterischer Ruhe (ohja, die gibts), dass ich vermutlich eine Fehlgeburt habe und sie mit mir ins Krankenhaus fahren müsse. Iss ruhig erst fertig, sagte ich ihr. Dann begann ich, in der Küche das Geschirr zu spülen. Ich konnte nicht einmal weinen. Wie eine Verrückte spülte ich die Teller, um nicht, gar nicht, auf keinen Fall, irgendetwas  denken zu müssen. Dann kam meine Mutter an und wir fuhren los. Abend, Notaufnahme. Anmeldung. „Ich bin in der elften Woche schwanger und habe starke Blutungen. Ich glaube, ich habe eine Fehlgeburt.“ Die Frau in der Notaufnahme gab mir ein Formular und schickte uns in den Wartebereich. Mama füllte die Formulare aus, wir warteten, wie es schien ewig. Ich sah nach, wieso niemand kam, denn außer uns wartete niemand. Ich sah, dass die Schwestern mit einem „Notfall“ beschäftigt waren- ein Kollege hatte sich am Finger (!!) verletzt und beide Schwestern nahmen nun mit ihm den Unfallhergang auf. Während ich im Gang saß und blutete. Normalerweise ist es in unserer Familie so, dass meine Mutter diejenige ist, die sich beschwert. Ob in Hotels, Restaurants, Geschäften- meine Mutter hat kein Problem damit, ihre Meinung deutlich kundzutun. Oftmals war es meiner Schwester und mir peinlich. An diesem Tag kam sie nicht dazu, sich zu beschweren, denn ich flippte fast aus. Fragte die Schwester, wann ich verdammt noch mal untersucht werde.

Sie: Das geht hier der Reihe nach.

Ich: Normalerweise behandelt man Patienten nach ihrer Dringlichkeit! Wenn ich nicht gleich drankomme, fahre ich selbst in die Gynäkologie hoch.

Sie: Jetzt werden sie mal nicht unverschämt, ich mache hier nur meinen Job!

Ich: Dann MACHEN sie ihn  gefälligst! JETZT! Sonst passiert was!

Sie, genervt, zum Kollegen: Es tut mir sehr leid, die Dame kann offenbar nicht warten, ist es sehr schlimm, wenn wir später weitermachen?

Dann endlich, ENDLICH eine Ärztin, die unglaublich nett war, mich lange untersuchte und mir schließlich den erlösenden Ultraschall zeigte- ein schlagendes Herz und ein munter turnendes Püppichen. Heute wie damals Tränen in meinen Augen vor Erleichterung.Drei Tage strenge Bettruhe im Krankenhaus. Drei Tage, die mein Bauch nutzte, ein wenig Platz für seine Bewohnerin zu schaffen, indem er kräftig wuchs. Hach!

Ja, auch damals war ich schon eine Mama. Und ich wurde immer mehr zu einer.In den ersten Wochen nach der Geburt war ich eine ständig übermüdete, oft verunsicherte Mama. Diese Verantwortung! Dieses zarte kleine Wesen, dass komplett auf mich angewiesen war! Diese Hilflosigkeit! Es machte mich völlig fertig. Dazu kam: Ich hatte kein Anfängerbaby bekommen. Mein Kind wachte nachts auf, klar, wie alle Kinder. Allerdings war sie nach dem Stillen gerne ein oder zwei Stunden wach. Ich schlief also keine Nacht. Ich nahm jeden Mist auf, der im Fernsehen kam und sah während dem Stillen stundenlang fern. Ich las schreckliche Bücher ohne jede Handlung. Manchmal weinte ich ein wenig. Ich hatte ganz zu Anfang Angst, mein Kind zu wickeln, weil sie immer so weinte, wenn sie umgezogen wurde. Im Krankenhaus weinte ich an einem Abend einfach mit. Mein Baby lag vor mir und ließ sich nicht beruhigen und ich stand vorm Wickeltisch und schluchzte, was das Zeug hielt.  Ich hatte großen Respekt davor, alleine mit dem Baby nach Hause zu kommen. Nicht einfach klingeln zu können, wenn irgendetwas nicht klappte. Doch wir schafften das. Meine Familie hatte eingekauft, die Wohnung geputzt und alles wunderschön zu unserer Ankunft vorbereitet. Und wir gewöhnten uns jeden Tag mehr aneinander.

Nach einigen Wochen begann die Schreierei. Meine Püppi schrie oft mehrere Stunden am Tag, scheinbar grundlos. Vielleicht war ihr diese Welt am Anfang einfach zu viel. Vielleicht kompensierte sie so den Stress, den ich in der Schwangerschaft auf sie übertragen hatte. Vielleicht schlief sie zu wenig. Manchmal hatte ich Angst, irgendwann die Nerven zu verlieren. Manchmal war ich bereits in Tränen aufgelöst, ehe ich das Haus verließ, weil meine Kleine das komplette Fertigmachen hindurch geschrien hatte. Doch auch diese Zeit ging vorbei.

Mein Sonnenschein wurde größer. Sonniger. Unkomplizierter. Und ich sicherer. Wir entdeckten gemeinsam unseren kleinen Bereich dieser Welt. Jeden Tag ein wenig mehr. Gingen spazieren, ins Freibad, zur Stillgruppe. Ins PEKiP und lernten neue Freunde und viele nette Menschen kennen. Und uns. Immer besser.

Wir lachen gemeinsam, essen gemeinsam, wir kuscheln, toben, spielen gemeinsam. Jeden Tag.

Und hier sitze ich nun heute. Fast ein Jahr Mama und doch soviel länger, soviel mehr. Es gäbe noch so vieles zu schreiben, zu erzählen. Von schlaflosen Nächten, von Glückstränen in meinen Augen, von Stolz, Ungeduld, Freude, Ärger, Wut, Rührung, Glück.GLÜCK!!

Mamasein. Es hat mich verändert, irgendwie. Mein Fokus hat sich verändert. Und ich habe das Gefühl, dass die Randbereiche etwas unschärfer wurden. So vieles ist unwichtig, seit ich mein Kind habe. Vieles hat an Bedeutung verloren. Zum Glück. Verrückt ist, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, wie es war, so ohne Kind. Ohne dieses Gefühl.

Mamasein. Einfach unbeschreiblich. Unbeschreiblich groß, unbeschreiblich schön. Wie dankbar ich doch dafür bin, es leben zu dürfen. Mamasein, Glücklichsein.

Danke dafür!

 

Advertisements

Read Full Post »