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Posts Tagged ‘Babyglück’

Die erste halbe Stunde mit dir ist in meiner Erinnerung etwas verschwommen. In erster Linie liegt das sicher daran, dass ich einfach so überwältigt war. Überwältigt von dir, deinem Duft, davon, deinen kleinen Körper in meinen Armen zu halten. Deine Oma und ich, wir waren hingerissen und wir bestaunten dich kleines Wunder voller Liebe.

Nach einer Weile gab mir deine Oma das Handy und ich rief deinen Vater an, um ihm die Nachricht zu verkünden. „Wie kann das denn sein? Du hast doch erst vor zwei Stunden gesagt, dass ihr ins Krankenhaus fahrt?“ – „Tja, die Kleine hatte es wohl eilig.“

Die Ärztin fragte mich nach einigen Minuten, wie du denn heißen solltest. Ich habe keine Ahnung, war meine Antwort. Etwas entgeistert sah sie mich an, aber für diese Entscheidung musste ich dich erst noch ein wenig ansehen und entscheiden, welcher der beiden Namen, die meine Favoriten für dich waren, denn besser zu dir passte. Und schließlich, nach kurzer Rücksprache mit deiner Oma, war klar, welcher Name der deinige sein würde. Und er passt noch besser zu dir, als ich mir hätte träumen lassen.

Während ich dich noch im Arm hielt, wurde es um uns herum geschäftig. Ein Medikament zur Lösung der Plazenta wurde gespritzt, weil sich diese noch nicht gelöst hatte. Akkupunkturnadeln wurden gesetzt. All das bekam ich nur am Rande mit, denn meine Welt drehte sich nur um dich. Nach einer Weile spürte ich jedoch, wie die Atmosphäre um uns herum aufgeregter und hektischer wurde. Und ich selbst begann, unruhig zu werden. Ich hatte den Eindruck, noch immer viel Blut zu verlieren, es fühlte sich an, als fließe es nur so aus mir heraus. Als ich ängstlich nachfragte, sagte man mir, dass die Toleranzzeit, die man warten könne, bis die Plazenta sich löse, langsam zu Ende ginge. Wenn sich nicht schnell etwas täte, müsse man operieren.

Tja, leider tat sich nichts. Und so musste ich dich gerade dreißig Minuten, nachdem ich dich zur Welt gebracht hatte, in die Arme deiner Oma legen und wurde davongeschoben. Man werde mir eine kurze Narkose geben, so dass ich in etwa zwei Stunden wieder bei dir sein könne. Die Geburtsverletzungen werde man direkt unter der Vollnarkose mit vernähen. (immerhin, wenigstens das würde mir erspart bleiben) Auf dem Weg in den OP war ich schon nicht mehr ganz bei mir. Ich nehme an, die Mischung aus starkem Blutverlust und dem Adrenalinabfall nach der Geburt, hatte mich völlig außer Gefecht gesetzt. Ich erinnere mich daran, wie ich überrascht feststellte, dass meine Hände noch voller Käseschmiere von deinem Rücken waren. Mein ganzer Kopf war erfüllt von Erinnerungen an deinen Babyduft und an das Gefühl, dich im Arm zu halten. Im Laufen klärte man mich über die Risiken der OP auf und ich musste die Einverständniserklärung unterschreiben. Wie bescheuert, dachte ich noch, schließlich hab ich keine Wahl. Vielleicht habe ich es auch laut gesagt.

Das letzte, das ich vor der Narkose denken konnte, war ein kurzes Gebet, in dem ich darum bat, die Operation gut zu überstehen und zu meinem Mädchen zurückkehren zu dürfen.

Als ich mit dir schwanger war, hatte ich ein Ritual, das ich jeden Abend vor dem Schlafengehen pflegte. Ich lag auf meinem Bett, cremte den Bauch ein, spürte, wie du dich bewegtest und ich erzählte dir etwas. Und jedesmal sagte ich dir die selben Dinge. Jeden Abemd. Ich erzählte dir, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis wir uns sehen würden. Dass die Geburt sicherlich für uns beide anstrengend und stressig würde, aber sie würde sich lohnen. Denn ich würde da sein, um dich in Empfang zu nehmen. Und ich würde dich beschützen, lieben und nicht mehr alleine lassen, wenn du erst mal bei mir wärst. Und nun musste ich dieses Versprechen brechen und dich 30 Minuten nach der Geburt bei Oma zurücklassen. Ich weiß, es gibt Schlimmeres, aber es tut dennoch weh. Diese ersten Stunden hätten uns beiden gehört.

Woran ich mich als nächstes erinnere, ist wie ein Alptraum. Ich kam zu mir, als ich durch den Flur zurück in den Kreißsaal geschoben wurde. So stelle ich mir einen schrecklichen Drogentrip vor. Ich sah die Wände auf mich zukommen, verschwimmen und wieder verschwinden. Ich hatte panische Angst, ohne dabei einen klaren Gedanken fassen zu können. Zwischendurch erschien ein Bild vor meinem Auge und verschwand wieder. Ich meinte, dich in den Armen deines Vaters gesehen zu haben, konnte das Bild jedoch nicht greifen. Es dauerte Stunden, bis ich zu mir kaum. Ich hatte Schüttelfrost und furchtbare Schmerzen von der Ausschabung, die ich in meinem weggetretenen Zustand nicht begreifen konnte. Selbst manuell hatte sich die Plazenta kaum lösen lassen, war innerlich festgewachsen. Die Ärztin hatte sich auf meinen Bauch werfen müssen, um sie lösen zu können. Ich übergab mich. Ich weinte. Meine Mutter war bei mir, wischte mir die Stirn und holte mir eine Schale, als mir schlecht wurde. Als dein Vater in den Kreißsaal kam, muss ich geschrien haben „Er soll raus gehen!“. Selbst in diesem Zustand versuchte ich, mich zu schützen vor Menschen, denen ich nicht vertraute. Er blieb draußen und hielt dich. Ich muss wirklich in einem schlimmen Zustand gewesen sein, denn ich erinnere mich, dass er später kurz an meinem Bett saß und meine Hand hielt. Meine Mutter erzählte mir später, dass er ankam, als ich im OP war. Er betrat den Kreißsaal und war schockiert, weil der ganze Raum ein einziges Blutbad war. Da sich alle um mich hatten kümmern müssen, war keine Zeit geblieben, irgendetwas wegzuräumen. Selbst deine Untersuchungen hatten warten müssen. Als er ein Tuch suchte, um dir die Händchen abzuwischen, fand er die Nabelschnur, die in einer Schale lag. Überall Blut, überall Dinge, die zeigten, was in den letzten Stunden hier geschehen war. Eine Geburt. Ein Naturereignis. Nicht vorstellbar, wenn man sie nicht miterlebt hat.

Es dauerte bis 5 Uhr, bis ich dich wieder bei mir haben durfte. Bis ich soweit bei mir war, dass man dich mir anvertrauen konnte. Laura hatte alle nach Hause geschickt, um zu schlafen. Sie legte dich mir auf die Brust und so lagen wir die nächsten Stunden beieinander. Noch heute fühle ich mich dir so am nächsten. Nachts oder morgens kletterst du manchmal auf mich, um den Kopf auf meine Brust zu legen. In den ersten Tagen im Krankenhaus und später zuhause sah man uns fast nur so. Dein Kopf auf meinem Herzen, ganz nah beieinander.

Gegen sieben Uhr fragte ich Laura, wann du denn genau geboren seist und wie deine Maße seien. All dies hatte ich überhaupt nicht mitbekommen, zumal du erst gewogen und gemessen wurdest, als ich im OP war. Es war 7.20, als ich meinen Freunden eine SMS schickte, in der ich von deiner Ankunft berichtete. Zwei meiner Freundinnen mussten auf dem Weg zur Arbeit anhalten, weil sie weinen mussten, als sie von deiner Geburt hörten.Alle freuten sich mit uns.

Und langsam konnte ich es auch fassen. Konnte begreifen, dass ich mein Bauchbaby, mein kleines Wunder gesund in den Armen hielt. Angekommen, wir beide.

Endlich warst du da, mein Mädchen. In meinen Armen, in meinem Leben.

Ich liebe dich. Deine Mama.

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Während der Autofahrt rief ich im Kreißsaal an, um uns schon mal voranzumelden und erklärte, dass wir in der nächste Viertelstunde ankommen würden.Zum Glück dauerte die Fahrt von meiner Wohnung zum Krankenhaus unter normalen Umständen nur 5-7 Minuten, so dass wir trotz des Schnees nicht allzulange brauchen würden.

„Wann kommt eigentlich der Zeitpunkt, an dem du Witze machst und mich ein bisschen zum Lachen bringst, wie wir das eigentlich ausgemacht hatten? Nachdem du schon kein Sturm der Liebe mit mir schauen wolltestr?“ fragte ich meine Mutter im Auto. „Bisher musste ich alle Witze selber machen!“ – „Sobald ich weiß, dass wir die Kleine nicht im Auto entbinden müssen, kann ich wieder Witze machen. Aber bis wir im Krankenhaus sind, stehe ich LEICHT unter Strom!!“ Na gut, eben keine Witze unterwegs.

Als wir am Krankenhaus ankamen, hatten die Wehen ein neues Level erreicht. Waren sie zuhause zwar schmerzhaft, aber trotz allem noch aushaltbar gewesen, begann ich nun, jede neue Wehe zu fürchtem, denn ich hatte Angst, es rein kräftemäßig nicht mehr in den Kreißsaal zu schaffen. Wir hielten auf einem der Notfallparkplätze vor dem Krankenhaus und gingen ohne mich anzumelden direkt zu den Fahrstühlen. Vor dem Fahrstuhl kam eine Wehe, die ich kaum veratmen konnte und die uns zeigte, dass es nun wirklich Zeit wurde, oben anzukommen. Am Kreißsaal klingelten wir und nach kurzer Wartezeit streckte eine junge Hebamme den Kopf heraus. „Hallo! Wir haben telefoniert? Können Sie noch ganz kurz warten? Wir sind hier mitten in der heißen Phase unter der Geburt!“ – „NEIN!“, presste ich heraus, während mich die nächste Wehe erwischte. „Okay, einen Moment, ich hole eine Ärztin!“

Wir wurden in ein Untersuchungszimmer geführt, in dem ich bereits zur Akkupunktur gewesen war und eine junge Ärztin, an die ich mich noch vom Infoabend erinnerte, kam herein und fragte, ob es für mich in Ordnung wäre, wenn sie mich jetzt untersuchen würde. Klar. Mit Hilfe meiner Mutter legte ich mich hin und zog meine Hose aus, was durch die wirklich schmerzhaften Wehen schwer fiel.

Als ich auf der Untersuchungsliege lag, und die Beine aufstellen musste, merkte ich erst, dass meine Beine so sehr zitterten, dass sie gegeneinander schlugen, Ich schaffte es kaum, sie stillzuhalten. Die Hormone und die Anstrengung, erklärte mir die Ärztin. „Ich möchte eine PDA!“ sagte ich nach einer Wehe. „Ich möchte sofort eine PDA, bitte!“ -„Ich untersuche sie erstmal, dann sehen wir weiter.“ Während die Ärztin das CTG anschloss und mit der Untersuchung begann, erkundigte sie sich, wieso wir nicht schon früher gekommen wären, wo ich doch offensichtlich wirklich starke Wehen hatte. Ich erklärte ihr, dass ich keine Lust hatte, zu den Frauen zu gehören, die mit einem Lächeln und den Worten „Kommen Sie wieder, wenn sie richtige Wehen haben!“ nach Hause geschickt werden. „Ich wollte kein Jammerlappen sein!“ Die Ärztin untersuchte mich. „Also, ein Jammerlappen sind sie nicht und nach Hause geschickt hätten wir sie auf keinen Fall, Frau …. Der Muttermund ist bei 8 cm, das heißt, sie haben die Eröffnungsphase schon fast vollständig geschafft!“ Meine Mutter war fassungslos: „8 cm??? Du bist kein Jammerlappen, du bist eine Heldin!“ Sie hatte glasige Augen und drückte meine Hand ganz fest.

Was mich jedoch am meisten beschäftigte, war die PDA. „Sagen Sie´s nicht,“ sagte ich leicht agresssiv zur Ärztin, „es ist zu spät für eine PDA, oder? Ich seh es ihnen am Gesichtsausdruck an!“ – „Ganz ehrlich, Frau …, eine PDA macht keinen Sinn mehr! Wir sind hier kurz vor der Austreibungsphase und eine PDA würde alles nur verzögern! Und die Hormone, die sie gerade produzieren, sind super für ihr Baby! Bei einer PDA würden diese Hormone nicht mehr ausgeschüttet und das Kind hätte viel mehr Stress. Und außerdem haben Sie es so bald geschafft!“ – „Was heißt bald?“ – „Hm, also heute schaffen wir es wohl nicht mehr, aber ich denke, in den nächsten Stunden halten sie ihr Baby in den Armen!“ Es war 22.40. Wenige Stunden? Unglaublich. Ich spürte, wie mich die Aufregung erfasste. In wenigen Stunden würde ich dich kennenlernen. Ich konnte es kaum erwarten.

Dr. E. fragte mich, ob ich einen bestimmten Wunsch habe, in welchem Kreißsaal ich entbinden wolle. Das hatte ich tatsächlich und ich fragte, ob der letzte Kreißsaal noch frei sei. Ich hatte Glück, der Kreißsaal war nicht belegt. Von der Akkupunktur her kannte ich diesen Raum und ich hatte ihn als wunderschön und sehr beruhigend in Erinnerung. Er war mit einer Wanne ausgestattet, hatte einen Sternenhimmel aus lauter kleinen Leuchtspots an der Decke und war mit Blumen und Ranken im Urwaldstil gestaltet. Als wir hinüberkamen, wollte ich mich direkt auf das Kreißsaalbett legen. Ich habe öfter von Frauen gehört, die keineswegs im Liegen entbinden wollten, aber mir fehlte für alles andere die Kraft. Ich war so erschöpft, dass ich nur liegen konnte. Dr. E. versuchte das Kreißsaalbett herunterzufahren, doch aus irgendeinem Grund funktionierte es nicht. Meine Mutter grinste mir verschwörerisch zu, denn beim Infoabend damals hatte bei Dr. E. auch der Beamer nicht funktioniert „Jaja, mal wieder die Technik“, flüsterte sie. Ich kletterte also mit vereinten Kräften der Ärztin und meiner Mutter auf das Kreißsaalbett. Nebenan konnte man hören, dass die Entbindung in die letzte Runde ging. Ich konnte eine Frau schreien hören. Die hat es bald geschafft, dachte ich. Immer wieder hatte ich Wehen, die ungeheuer schmerzhaft waren.

„Wollen sie denn noch baden? Die Zeit würde sicher reichen, ihnen ein Bad einzulassen!“ Es war komisch, eigentlich hatte ich immer gedacht, gerne in der Wanne entbinden zu wollen, aber die Vorstellung, jetzt im warmen Wasser liegen zu müssen, war mir unerträglich und ich verneinte. Ich spürte einen starken Druck auf meiner Blase und kündigte an, auf die Toilette gehen zu wollen. „Sind sie sicher? Manchmal fühlt es sich auch nur so an, wenn das Kind nach unten drückt!“ -„Ich will JETZT auf die Toilette!“ – die Wehen machten mich wenig diplomatisch, so dass alles eher schroff über meine Lippen kam. Aber ermutlich sind Ärzte und Hebammen daran gewöhnt. Meine Mutter und die Ärztin begleiteten mich zur Toilette und die Ärztin erklärte, die Türe müsse aus Sicherheitsgründen offen bleiben. Meine Mutter kam mit hinein und ich hatte panische Angst, auf der Toilette eine Wehe zu bekommen und diese im Sitzen oder Stehen aushalten zu müssen. Nachdem ich meine Blase entleert hatte, rollte die nächste, unglaublich starke Wehe über mich hinweg. Ich schleppte mich zurück zum Kreißsaalbett und schaffte es erneut irgendwie, mich hinaufzuhiefen.

Die folgenden Erinnerungen unterscheiden sich seltsamerweise zeitlich stark von dem Geburtsbericht, den ich im Nachhinein aus dem Krankenhaus angefordert hatte. Laut Bericht setzten die Presswehen erst gegen 0 Uhr ein und ich hatte auch nur sehr wenige Presswehen. Dies stimmt überhaupt nicht mit meiner Erinnerung überein, nach der ich bereits kurz nach diesem Toilettengang die ersten Presswehen hatte und nach der sich die Presswehenphase wirklich lange hinzog. Da auch einige andere Angaben im Geburtsprotokoll zeitlich einfach nicht möglich sind, nehme ich an, dass die Zeiten nachträglich von der Hebamme eingetragen wurden und daher nicht mit den tatsächlichen Zeiten übereinstimmen.

Als ich wieder auf dem Kreißsaalbett lag, spürte ich, dass die Wehen eine neue Dimension erreicht hatten. Ich war völlig überwältigt und überrascht von dem Schmerz, den ich empfand. So etwas hatte ich noch nie, niemals erlebt. Es war nicht nur so, dass dieser Schmerz stärker war als alles, was ich kannte, es war schlicht und einfach nicht aushaltbar. Es fühlte sich an, als würde es mich umbringen und ich wusste, ich würde diese Wehen nicht eine Minute länger aushalten. Ich kann das nicht! Schneiden sie sie raus! Wir machen einen Kaiserschnitt, ja? Die Ärztin lächelte. Wir machen jetzt keinen Kaiserschnitt, Frau…. Das schaffen sie! Nicht mehr lange und sie haben ihr Baby! Im Nebenraum hörte ich die Frau noch einmal schreien und wenig später ertönte Babygeschrei. Neid durchzuckte mich. Die hat es geschafft, die Glückliche… Wenn ich nur auch soweit wäre, ging es mir durch den Kopf.

Es muss einen Wechsel zwischen Dr. E. und Laura, der Hebamme gegeben haben. Laura fragte mich, ob es in Ordnung für mich sei, wenn wir uns duzen würden. Ich musste grinsen bei der Vorstellung, mir könne das „Du“ einer Frau, die eine derart intime Erfahrung miterleben würde, irgendwie unangenehm sein. Gerne, sagte ich. Bei der nächsten Wehe spürte ich auf einmal einen unbändigen Drang, zu pressen. Da ich bereits gelesen hatte, dass man nicht immer gleich mitpressen dürfe, fragte ich, panisch, weil das Pressbedürfnis so stark war, ob ich mitpressen dürfe. „Darf ich pressen, ja?“ – Laura schaute nach und erklärte, bei der nächsten Wehe dürfe ich mitpressen. Ich erinnerte mich an Gespräche mit Freundinnen, die erzählt hatte, aus Angst vor den Schmerzen nur leicht gepresst zu haben. Das würde mir nicht passieren. Ich wollte so stark wie möglich pressen, um so schnell wir möglich FERTIG zu sein. Um diese grauenhaften Schmerzen zu überstehen und endlich mein Baby bei mir zu haben. Also presste ich. Ich legte all meine Kraft hinein und ich presste wie eine Wahnsinnige. Ich schwitzte wie verrückt. Mit war unendlich warm, die Sweatjacke hatte ich längst ausgezogen.

In jeder Wehenpause reichte mir meine Mutter Wasser, ohne dass ich einmal darum bitten musste. Sie wusste immer, was ich brauchte, wo sie zu stehen und wie sie meine Hand zu halten oder mich anzufassen hatte. Obwohl ich ein sehr körperbetonter Mensch bin, konnte ich während der Wehen manche Berührungen nicht ertragen. Als Dr. E. später einmal mein Bein streichelte, brüllte ich „Finger weg!“ (normalerweise nicht mein Umgangston…), weil mir die Berührung unerträglich war.

Ich tönte während der Wehen. Einmal schrie ich laut, woraufhin mir die Hebamme erklärte, es sei besser, wenn ich diese Energie spare und mich darauf konzentrierte, beim Pressen mitzutönen. Die Wehenpausen waren immer wieder eine Erlösung für mich. Doch dann spürte ich wieder, wie die Wehe heranrollte. Wie große Wellen, die über mich heranbrachen, konnte ich sie von fern erahnen und rasend schnell schlugen sie über mir zusammen. Wie ein ferner Regelschmerz kündigten sie sich an, ehe sie als körperzerreißende Schmerzen über mir zusammenbrachen. Es geht weiter, kündigte ich jedesmal an, woraufhin sich alle wieder in Position brachten, um mir beizustehen und mich anzufeuern. „Los, Frau …, press! Du musst pressen!!!“ brüllte Dr. E. Und bei jeder Wehe presste ich wie wahnsinnig, immer die Hoffnung im Hinterkopf, gleich die erlösenden Worte „Jetzt kommt das Köpfchen“ zu hören. Irgendwann rief die Hebamme: „Wir können schon das Köpfchen sehen, die Kleine hat ganz viele dunkle Haare!“ Das sagen sie sicher jeder Frau, um sie bei der Stange zu halten, dachte ich pessimistisch. Ich konnte nicht mehr. Die Presswehen schienen sich ewig hinzuziehen und ich hatte das Gefühl, als ginge nichts voran. Ich war völlig entkräftet und wusste nicht, wie lange ich das noch durchhalten würde. Ich hatte eigentlich erwartet, bei den Presswehen schreien oder schimpfen zu wollen, statt dessen tönte ich immer nur und versuchte, nicht in die Hechelatmung zu verfallen, das diese nicht so gut für das Baby sei, wie mir Laura gesagt hatte. Versuch, tief zu atmen. Gib deinem Baby Sauerstoff, ihr braucht ihn beide. Einzig einmal, bei einer wirklich unerträglichen Wehe, fluchte ich laut: „Fuck!!“ Meine Mutter, die nach eigenen Angaben bei jeder Geburt geschimpft hatte wie ein Rohrspatz, war lustigerweise ganz erschrocken über diesen Ausbruch.

Die Fruchtblase, die nach Angabe Lauras die ganze Zeit zum Zerreißen gespannt war, platzte bei einer der nächsten Presswehen. Ich spürte eine gewisse Erleichterung, während das Fruchtwasser in einem Schwall aus mir herauslief.  Jetzt würde es hoffentlich vorangehen.

„Nur noch ein paar Presswehen und du hast es geschafft“, rief Laura irgendwann enthusiastisch. „EIN PAAR??? Noch so lange???“, fragte ich entsetzt. Laura war überrascht. Sie hatte erwartet, dass mich diese Aussicht erleichtern würde. Statt dessen hatte ich das Gefühl, noch ewig so weitermachen zu müssen.

Zwischenzeitlich hatte ich eine ungewöhnlich lange Wehenpause. Ich war unendlich dankbar über diese Erholungspause und kostete diese Möglichkeit, kurz zum mir zu kommen redlich aus. Mama war jedoch besorgt. Das fauert so lange! Was ist mit dem Baby? Doch dem Olivenkind ging es gut und die Herztöne waren in Ordnung.

Irgendwann verließ Frau Dr. E. den Raum. „Weißt du, was Dr. E. jetzt macht?“, fragte mich Laura. „Sie ruft jetzt Prof. W. an. Der möchte nämlich dabei sein, wenn deine Kleine zur Welt kommt. Das heißt, du hast es bald geschafft! Du bist fast soweit!“ Vor meinem inneren Auge sah ich, wie Prof. W. langsam aus dem Bett stieg, sich anzog, ins Auto stieg und gemächlich zum Krankenhaus tuckerte. Und so lange würde ich noch warten müssen? Enthusiasmus sah anders aus…  Doch schon ging es  weiter.

Wieder pressen, Frau Dr. E. war zurück. „Ok, Frau …, wir haben ein Problem. Die Kleine stößt immer wieder mit dem Kopfchen an und es geht hier nicht weiter. Damit sie besser durchkommt und alles etwas schneller geht, werde ich jetzt..“ -„MACHEN SIE ES EINFACH! Ich will es nicht WISSEN!!!“ stieß ich hervor. Im Geburtsvorbereitungskurs hatten sie uns gesagt, der Dammschnitt werde, wenn er denn nötig sei, ohne Vorankündigung durchgeführt, dann spüre man ihn kaum während der Wehe. Nun, ich spürte ihn. Ich hörte das Knacken und spürte das Blut und den Schmerz. Und dann ging es auch schon wieder weiter. Pressen, pressen.

Und dann, endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, die erlösenden Worte: „Jetzt nicht pressen, warten, warten… Und jetzt schieb! Das Köpfchen kommt!“

Ich presste erneut wie eine Wilde, mit aller verbleibenden Kraft und dein Köpfchen wurde geboren. Eine Freundin hatte mich vorgewarnt, dass Babys oft erst blau werden und nicht gleich zu atmen beginnen. Die Sorge war unbegründet. Noch ehe dein restlicher Körper geboren war, begannst du zu schreien. Mein wildes kleines Mädchen.

Mit der nächsten Wehe kam dann um 00:38 auch der restliche Körper. Man fragte mich, ob ich dich selbst hochnehmen wolle und ich bat darum, mir dich auf den Bauch zu legen. Ich zog mein Top herunter, um dich ganz nahe bei mir zu haben und dann lagst du da. Mit wachen, großen Augen und seidigem schwarzem Haar. Du warst perfekt. Das schönste, wundervollste Gefühl der Welt.

Ein wunderschönes Gesicht, ein kleines rotes Mündchen. Und, die eindrücklichste Erfahrung: dein zarter, babyweicher Rücken unter meinen Händen. Die winzigen perfekten Wirbel und deine Schulterblätter. Ein echter, neuer Mensch. Weicher Babyflaum auf deinen Schultern, Käseschmiere an deinem Rücken und meinen Händen .

00: 38 geboren, gerade mal zwei Stunden nach unserer Ankunft im Krankenhaus. 53 cm groß und 3310g schwer. Mein Wunder. Mein Bauchbaby.

Mein pures Glück.

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Deine Lieblingswörter seit etwa zwei Wochen: bidde und dagee. Manchmal wild durcheinandergemischt, meist aber genau richtig verwendet. Und mir geht das Herz auf, wenn du mit lautem biddeeeeee nach deinem Brot verlangst.

♥ Wenn du mir ein Spielzeug reichst: „bidde“

♥ Abends, wenn ich deinen Schoppi aufwärme und du es mal wieder kaum erwarten kannst: „biddebiddebidde“

♥ Mittags nach der Kita, wenn es mit der „Nanane“ mal wieder nicht schnell genug geht: BIDDEBIDDEBIDDE!!!

♥ Wenn ich dir etwas reiche: „Daggee“ (okay, manchmal auch „bidde“, aber da wollen wir mal nicht so sein ;-))

♥ Wenn du deinen Schoppi fertig getrunken hast, dann schnappst du dir die leere Flasche und streckst sie mir mit einem „dageeee“ entgegen. –  („Danke, sie dürfen dann abräumen. 🙂 „)

Deine „Tante“ M. ist übrigens der Meinung, dies sei nur durch gute Erziehung nach dem Motto „Du bekommst die Brezel, wenn du bitte gesagt hast.“ zu erreichen. Jaaaaaaa, genau…  Thihi.

 

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Nachdem ich an deinem Geburtstag aus akuter Sentimentalität nicht in der Lage war, deinen Monatsbericht zu schreiben und in den letzten beiden Wochen immer etwas anderes zu tun, zu schreiben oder erleben war, nun eben heute ein zwölfeinhalb-Monatsbericht.

Unglaublich, dass du nun schon ein Jahr und zwei Wochen alt bist, mein Schatz. Immer wieder muss ich daran denken, wie es letztes Jahr um diese Zeit war- draußen ganz verschneit und bitterkalt und du noch so winzig und zerbrechlich. Und dann sehe ich dich an und bin immer wieder ganz fasziniert von der Persönlichkeit, die mir jeden Tag aus deinen braunen Strahleaugen entgegenblickt. Deine verschiedenen Gesichtsausdrücke begeistern mich immer wieder aufs Neue, denn sie spiegeln genau das wieder, was in deinem kleinen, großen Herzen vor sich geht. Du kannst -natürlich!- übers ganze Gesicht strahlen, ausgelassen kichern, amüsiert lächeln und versonnen in dich hinein schmunzeln. Wenn ich dich auf den Wickeltisch oder eine andere erhöhte Fläche setze, wirfst du dich mit Vorliebe in meine Arme- gerne auch dann, wenn ich dir gerade die Schuhe binde und es mein ganzes Reaktionsvermögen erfordert, dich aufzufangen. Am schönsten daran ist dein strahlendes Lächeln, dass sich kurz vorher auf deinem Gesicht ausbreitet und das jeden erkennen lässt, wir sehr dir dieses in-die-Arme-springen gefällt. Überhaupt bist du ein richtiger Wildfang, tobst und krabbelst und kletterst, ohne müde zu werden. Du liebst es, in die Luft geworfen und wieder aufgefangen zu werden, lachst begeistert, wenn man dich an den Beinen in die Luft hebt und du dann ein wenig auf deinen Händen laufen kannst.

Und so stürmisch wie dein Spiel sind auch oft deine Liebesbekundungen. Gerade morgens oder nachts im Bett sehe ich oft nur dein strahlendes Gesicht, welches -mit dem verliebten Ausdruck einer frischgebackenen Mama- das meine mustert, ehe du dein Gesichtchen so stürmisch auf das meine wirfst legst, dass ich immer wieder damit rechne, einmal ein blaues Auge davonzutragen. Seit ein paar Tagen hast du gelernt, in den Arm zu nehmen. Klar hast du auch schon vorher deine Arme um meinen Hals gelegt und dich dabei auch an mich gedrückt, dieses richtige „Drücken“ jedoch ist neu und wunderschön. Wenn du auf dem Wickeltisch sitzt und ich deine Schuhe binde, legst du manchmal die Arme um meinen Hals, beugst dich zu mir herunter und legst mit einem hohen „aaaaaaaaaah“ deinen Kopf auf meinen. Und jedesmal sprudelt mein Herz dann von neuem über.

In der vergangenen Woche hast du deine ersten freien Schritte gemacht. So ganz scheint dich diese Erfahrung jedoch nicht überzeugt zu haben, denn du zeigst kein gesteigertes Interesse, diese neue Fähigkeit ausbauen zu wollen, sondern bewegst dich munter weiter an Möbelstücken, Mamas Hand oder eben krabbelnd durch die Gegend. Falls du es doch einmal probierst, lässt du dich nach dem ersten Schritt meist schon begeistert in meine Richtung fallen. Aber immerhin, der Anfang ist gemacht und im Grunde ist es mir auch ganz egal, wann du frei zu laufen beginnst.

Das Schlafen klappt unverändert gut, auch wenn wir in der letzten Woche ein paar schlechtere Nächte hatten, in denen du fast stündlich weinend wachwurdest, glücklicherweise jedoch auch gleich wieder eingeschlafen bist. Tagsüber schläfst du etwa eine Stunde, entweder in einem „langen“ Mittagsschläfchen oder in zwei kürzeren. Das hängt von deiner Tagesform und unserem Programm ab. Morgens schläfst du meist bis halb acht oder acht, hattest jedoch in den letzten Tagen auch einige „Frühstarts“ dabei, an denen du bereits um fünf oder halb sechs nach deinem Fläschchen verlangtest, um es dann auch bis auf den letzten Tropfen zu leeren.

Für mich warf das natürlich die Frage auf, ob dir dein Abendessen- Milchbrei und Schoppen- vielleicht nicht mehr die ganze Nacht ausreicht. Deshalb beschloss ich, am Samstag abend gemeisam mit dir zu vespern, um zu sehen, ob dich ein Brot vielleicht doch länger satt macht. Leider macht dir das Brotessen so viel Freude, dass du stundenlang (wirklich, wir saßen fast eine Stunde) mit deinen „Reiterchen“ zugange bist. Du betrachtest sie, beißt ab, steckst sie in den Mund, holst sie wieder heraus, schleckst den Belag (Leberwurst, Frischkäse mit Kresse)  herunter, und und und… Wieviel am Ende einer solchen Krümelparade letztendlich in deinem Magen landet, ist schwer zu beurteilen. Gestern bekamst du aus Zeitmangel nochmal einen Milchbrei und hast auch bis halb acht geschlafen, also ist es vielleicht auch Tagesnachtformabhängig, wie lange dir das jeweilige Essen reicht. Wir werden jetzt jedenfalls öfter gemeinsam vespern, dann klappt das sicher etwas schneller (morgens geht es doch auch?!). Und außerdem macht es einfach riesigen Spaß, dir beim Essen zuzusehen, zumal du meine Liebe für Essiggürkchen offensichtlich teilst…

Tagsüber ist dein Essverhalten unterschiedich. Seit zwei Wochen isst du das „Erwachsenenessen“ mit, wobei ich darauf achte, kein Salz zu verwendenm, ehe ich deine Portion beiseite gestellt habe. Meist beginnst du, mit Appetit zu essen, verweigerst jedoch nach fünf oder sechs Löffeln die weitere Nahrungsaufnahme. Zum Glück isst du in den letzten Tagen mit mehr Appetit, denn ein wenig Sorgen hat mir diese Entwicklung schon gemacht- zumal du durch deine viele Bewegung auch einige Kalorien brauchst. Schupfnudeln, Spätzle mit Brokkoli, Gemüse-Putenpfanne mit Reis und Kartoffelbrei sind derzeit deine Favoriten auf dem Küchenzettel. Ansonsten willst du alles probieren, liebst Bananen, Rosinenbrötchen, (Marmeladen-)Brot und vieles mehr. Milchschaum von meinem Löffel zu probieren, entlockt dir ein begeistertes „namnamnam“ und macht dir riesigen Spaß.

Was das Spielen angeht, so scheinst du -zumindest bisher- nicht zu der Sorte Kind zu gehören, die sich in Ruhe eingehend mit einem Spielzeug beschäftigen. Motorikschleifen und ähnliches interessieren dich nur kurz, denn du hast überhaupt keine Lust, lange an einzelnen Spielzeugen zu pfriemeln. Viel lieber räumst du schwungvoll alle Spielsachen aus und untersuchst sie einzeln nacheinander. Deine Stofftiere sind gerade auch hoch im Kurs und gerade morgens im Laufstall werden Katze und Elefant oft genaustens unter die Lupe genommen, beplaudert und gestreichelt. Und deine Bilderbücher liebst du nach wie vor- allerdings nicht auf meinem Schoß, sondern nur alleine. 🙂 Am schönsten finde ich aber, dass du seit drei Tagen begonnen hast, zu „telefonieren“. Ob das wohl bedeutet, dass ich zuviel am Telefon hänge?? Dabei telefoniere ich eigentlich gar nicht soo gerne! Angefangen mit dem Babyphone, hältst du jetzt immer öfter Gegenstände, gerne auch dein Spielzeugtelefon, ans Ohr und beginnst, zu erzählen. Zum Dahinschmelzen ist es, wenn du mir lächelnd den „Hörer“ reichst und ich auch telefonieren darf.

Lustigerweise komme ich im Moment kaum zum Telefonieren, weil du gerade mal wieder recht mamafixiert bist. Nicht immer, nicht die ganze Zeit, aber seit etwa zwei Wochen willst du wieder viel auf den Arm, was gerade beim Kochen oder Staubsaugen eine große Freude ist… Gehe ich kurz in den Keller und setze dich in den Laufstall, so kann es passieren, dass du völlig aufgelöst bist, wenn ich wiederkomme. Ich hoffe einfach mal, dass es nur ne Phase ist, denn dich und die Riesenkörbe Wäsche kann und will ich nicht jedesmal mit in den Keller schleppen. Zum Glück hindert dich all das nicht daran, auswärts genauso kontaktfreudig und offen zu sein, wie auch bisher. Manchmal vergräbst du zwar verschämt den Kopf in meiner Schulter, aber meist schäkerst und lachst du mit den Leuten, dass es eine Freude ist.  Bei Kindern kennst du ohnehin keine Scheu, sondern gehst begeistert und manchmal etwas stürmisch, wie es eben deine Art ist, auf sie zu. Zum Glück zeigst du deine Zuneigung mittlerweile auch *etwas* liebevoller, als noch zuvor- auch wenn es natürlich nicht jedermanns Sache ist, von dir mit spitzem Finger ins Gesicht gestochert zu bekommen oder sich an den Wimpern ziehen zu lassen…

Mein Mädchen, ich stelle fest, wie schwer langsam wird, dich und die Facetten deiner Persönlichkeit in Worte zu fassen, denn du bist soviel mehr als alles, was ich je schreiben könnte. Du bist der Sonnenschein, der jeden Tag für mich erhellt. Wenm ich daran denke, wie bald ich nicht mehr den ganzen Tag mit dir verbringen kann, werde ich wehmütig und möchte die Zeit noch ein wenig anhalten. Ich genieße diese Zeit mit dir zuhause in vollen Zügen. Mein großes Mädchen. Ich liebe dich.

Deine Mama

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Nachdem sich mein Töchterchen bereits überraschend früh auf ihre zwei Beine stellte und auch bald darauf begonnen hatte, mit dem Puppenwagen zu laufen, hatten mir unzählige Menschen prophezeit, das Herzensmädchen werde mit zehn oder elf Monaten frei zu laufen beginnen. Fräulein Dickkopf jedoch, die sich bisher in jeder Lebenslage ihr eigenes Tempo erkämpft hatte, strafte alle Lügen. Sonst wild, ungestüm und draufgängerisch, zeigte sie beim Laufenlernen eine unglaubliche Um- und Vorsicht, die sie (und mein Mamaherz) bisher vor schlimmeren Stürzen bewahrte. Monatelang spazierte sie mit ihrem Puppenwagen umher, lief glücklich an allen Möbeln entlang, wanderte immer sicherer an einer Hand durchs Zimmer, doch frei zu laufen versuchte sie nie. In unserer Frühgruppe in der Musikschule, wo sie die Jüngste ist, laufen außer ihr alle Kinder und ich hatte beim letzten Mal den Eindruck, es mache ihr zu schaffen, dass sie eben nicht so hinterher konnte, wie sie es sich gewünscht hätte.

Immer wieder versuchte ich zuhause, sie doch dazu zu bringen, einmal loszulassen und einen freien Schritt zu versuchen. Nicht, weil es mir wichtig wäre, wann sie zu laufen beginnt- das ist mir ganz egal. Sondern weil ich der festen Überzeugung war, dass sie es konnte und sie im entscheidenden Moment einfach immer der Mut verließ. Doch sobald es daran ging, das stützende Möbelstück oder die helfende Hand loszulassen, ging mein Mädchen in die Knie und überwand die Distanz krabbelnd.

Letzte Woche schaffte sie es, einen Minischritt auf mich zuzustürzen zu gehen (beziehungsweise sich in meine Arme fallen zu lassen). Schon das machte mich unendlich stolz- auf ihren Mut, denn ich weiß, es kostete sie Überwindung, vor allem aber auf ihr Vertrauen in mich, dass ihr erlaubte, sich auf meine Hilfestellung zu verlassen.

Heute nun hatten wir Püppis Pekip-Freunde und ihre Mamas zu Besuch, um bei Kaffee und Kuchen ein wenig den ersten Geburtstag meines Mädchens nachzufeiern. Zwei der anderen Kinder laufen mittlerweile frei und meine Süße schaute staunend zu, wie sie sich aus dem Sitz aufstellten und – einer sicher, der andere noch etwas wackelig, laufend einige Schritte zurücklegten. Immer wieder versuchte ich auch heute, meine kleine Große zu ermutigen, es doch einfach zu versuchen. Doch sie begnügte sich damit, stehend ihre verschiedenen Spielzeuge zu erkunden und mit den anderen Kindern zu spielen. Ich spürte jedoch, dass es in ihr arbeitete, denn immer wieder machte sie Anstalten, einen Fuß nach vorn zu schieben, nur um sich gleich wieder zu bremsen und hinzusetzen. Auch die Distanzen zwischen den verschiedenen Möbelstücken wählte sie heute ein wenig weiter aus und wagte größere Schritte als sonst.

Als alle nach Hause gegangen waren, setzte ich mich noch eine Weile zu meinem Herzensmädchen auf den Boden und räumte ein wenig auf, während sie außen am Laufstallgitter entlanglief. Plötzlich blieb sie stehen und schaute zu mir herüber. Mit ausgestreckten Armen lächelte ich sie an und wartete ab, was wohl passieren würde. „Komm, mein Schatz! Trau dich, du schaffst das! Versuch´s einfach“, lockte ich einmal mehr. Und dann, ganz plötzlich, war er da, der langersehnte Augenblick. Und mein Mädchen, dieser kleine, wunderbare Mensch, ließ das Gitter los und machte drei Schritte auf mich zu, direkt in meine offenen Arme hinein.

Was soll ich sagen? Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein riesiger Schritt für das Püppichen und mich. Pah, von wegen einer! DREI! Drei Schritte für das Püppichen und mich. Hach! Und mein Mamaherz? Das tanzt. Noch immer. Die kleinen Siege der Herzensmenschen länger zu feiern, als sie selbst das tun, das ist Liebe. Pures Glück.

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